TONI UND WIR – EIN INTEGRATIONSVERSUCH

TONI UND WIR – EIN INTEGRATIONSVERSUCH

ZHdK

21/09/2017

Janina Balsiger und Fernando Obieta für die Zürcher Studierendenzeitung #4/17

Trigger-Warnung: Dieser Artikel ist aus der Sicht von zwei Studierenden der ZHdK geschrieben. Die Hochschule beheimatet fünf sehr unterschiedliche Departemente. Wir fokussieren uns mit den folgenden Zeilen auf unsere individuellen Erfahrungen und Eindrücke aus dem Bachelor im Departement Design.

Kaskadenfoyer, Pfingstweidstrasse 96:

Die Farbe der weissen Ausstellungspodeste ist noch frisch. Auf ihnen prangt schwarze, dringliche Typografie, aerodynamische Karosserien über Monate hinweg konzipiert und dazwischen: die «Designer von Morgen», die auf die wohlige Aufregung eines abgeschlossenen Studiums und der leisen Ahnung von Zukunft ihr viertes Glas Prosecco trinken.
Unzählige Schaulustige und Schaulaufende kommen an diesen Tagen an die Zürcher Hochschule der Künste – ein Sehen und Gesehenwerden an der jährlichen Diplomausstellung. Das alltägliche Gewusel der ZHdK macht für einmal gemeinsame Sache und rafft sich zusammen, um ihre beste Seite nach aussen zu kehren. In den Augen vieler will dieses bunte Treiben nicht zur Nüchternheit von diesem Gebäude passen, der ehemaligen Toni-Molkerei. Aussen grau – innen weiss, verwinkelt und an jeder Ecke lädt ein iMac dazu ein, mit der Arbeit zu beginnen.

Die Vorstellung wie es ist, Teil dieser Kunsthochschule zu sein, existiert auch in den Köpfen jener, die es effektiv versuchen, einen der wenigen Plätze in den kleinen Fachklassen zu ergattern.
«Toni–Areal», das klingt wie ein Versprechen von allzeit abrufbarer Kreativität, das die Hochschulleitung an die Stadt Zürich und die Dozierenden an die Studierenden abgibt. Einmal eine Ausbildung mit wohlklingenden Namen wie Interaction Design oder Scientific Visualization durchlaufen zu haben, warten in der Zukunft grossräumige Ateliers, wo sich Arbeit und Privatleben harmonisch vermischen; Selbstständigkeit und vielleicht die Erfüllung des Wunsches nach etwas Grösserem. Dass sich das einmal wie Arbeit anfühlen soll, liegt fern.
Dennoch – wo zuvor die romantische Idee vom eigenen Start-Up war, fokussiert sich der Alltag des Studiums hauptsächlich darauf, die Balance zwischen durchgetakteten Modulen und freier Projektarbeit zu halten. Natürlich ist man jung, dynamisch und scheut sich nicht davor, auf Deadlines hinzuarbeiten. Noch einmal eine Nacht lang im Klassenatelier auf den Bildschirm zu starren, hat jedoch wenig mit Romantik zu tun. Entschliesst man sich um diese Uhrzeit mal den Kopf zu heben, wird der müde Blick hinter einem leuchtenden Apfel erwidert. Alleine ist man selten – die Nutzung des Ateliers gestaltet sich jedoch als so divers, wie die verschiedenen Persönlichkeiten die dort Jahr für Jahr ein- und ausgehen. Die Chance aus unterschiedlichen Richtung zu kommen und drei Jahre voneinander zu lernen, will so häufig wie möglich genutzt werden. Ein latentes Konkurrenzdenken verschwindet aber auch dann nicht, wenn eine Gruppenarbeit ansteht. Gemeinsam gegeneinander.
Man könnte meinen, dass in diesem Konstrukt der Nähe das interdisziplinäre und transdisziplinäre Arbeiten sich wie von selbst ergibt. Die grosse Vision des Toni-Areals. In der Realität bleibt das Inseldenken bestehen und die Fachrichtungen unter sich.
Das Gefüge das dabei entsteht, erinnert immer wieder an die Verhältnisse einer skurril zusammengewürfelten Familie. Und dass man mit der Verwandtschaft Mühe hat zu kommunizieren, ist geläufig. Dozierende, Assistierende und Studierende trennt regelmässig nicht mehr als ein Bildschirm, eine Werkbank oder ein Zeichenpult. Immer wieder geht es darum, Projekte im Gespräch mit seinen Mentoren voranzutreiben – was von allen Seiten mit Vorsicht genossen wird. Das Phänomen «A sagt plus, B versteht minus» ist dabei der Status quo. Zurückhaltung und Schonungslosigkeit wechseln sich abrupt ab, das Vokabular lässt wenig Nuancen zu. Es gilt die Devise: Out of the box zu denken und gleichzeitig part of the game zu sein. Persönliche Zweifel? Werden mit einer lässigen Handbewegung und einem Bier aus dem Kollektivkühlschrank weggewischt.
Theoretisch scheinen alle zwar die hierarchischen Strukturen einer Hochschule ablegen zu wollen, wie das aber nachhaltig umgesetzt werden kann, hat sich bisher niemandem erschlossen. Die Rollen zwischen Lehrenden und Lernenden bleiben klar verteilt.

Ist dies der einzige Weg, innerhalb dieses wuselnden Organismus eine funktionierende Struktur aufrecht zu erhalten? Eine Struktur, die sich auf sämtlichen Ebenen der Hochschule wiederfindet. Eine Struktur, die der Idee des «Miteinander» nicht nachkommt und die Menschen an der ZHdK sich über Kurz oder Lang in der Rolle des Einzelkämpfers wiederfinden.

Wir bewegen uns seit zwei Jahren in diesen Strukturen und starten nun in die letzten zwei Semester. Jede*r Studierende*r realisiert während dem Studium, dass diese Strukturen formgebend sind und sucht einen eigenen Weg, damit umzugehen. Der Umgang mit Freiraum; was relevant ist und welche Entwicklungsrichtungen vorgegeben werden, das sind unsere Differenzen mit dem Curriculum und der Philosophie dieser Hochschule. Unser Ansatz ist es, uns in gemeinsamen Projekten und Diskussionen selbst zu reflektieren um eine zufriedenstellende Herangehensweise unter diesen Bedingungen zu entwickeln. Fündig sind wir bisher nicht geworden, und trotzdem wissen wir, dass wir kommendes Jahr an der Diplomausstellung neben unseren Arbeiten stehen werden. Die Erinnerungen der letzten Monate weichen einer Mischung aus Freude und Überwältigung. Was bleiben wird, ist der Rausch des Alkohols der Diplomvernissage.

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